Das Simulationszentrum der schwedischen Luftwaffe (FLSC) gewährt Piloten, Combat Controllern, Taktikern und Entscheidungsträgern Einsicht in das Gefecht der Zukunft. Hier werden taktische Konzepte abgesegnet und neue Ausrüstungen geprüft; alles ist auf Man-in-the-Loop-Simulationen in zukünftigen Bedrohungsszenarien ausgelegt.
Bild: Eine Saab JAS-39 Gripen hebt während des Red Flag-Manövers, an dem die schwedische Luftwaffe im Jahr 2008 teilnahm, von der Hauptbahn der Nellis Air Force Base ab. Bevor sie den schwedischen Boden in Richtung USA verliessen, hatten die am amerikanischen Manöver teilnehmenden Gripen-Piloten bereits mehrere Flüge zur Eingewöhnung an den Computern des FLSC absolviert. Als sie dann in Nellis eintrafen, waren sie mit den Anflugkontrollverfahren des Luftwaffenstützpunkts bereits vertraut. So hatten sie den Kopf frei und konnten sich voll und ganz dem eigentlichen Zweck der Reise, dem Gefechtstraining, widmen. Bild: Gunnar Åkerberg.
Als die schwedische Luftwaffe im Juli 2008 am Red Flag-Manöver teilnahm, waren ihre Piloten gleich beim ersten Gefechtseinsatz mit von der Partie. Sie mussten sich erst gar nicht mehr mit dem Luftwaffenstützpunkt und dem Terminal vertraut machen. Warum sollten sie auch ihre Zeit mit Nebenschauplätzen vergeuden, wo sie doch gekommen waren, um ihre Fertigkeiten in der Kriegsführung gegen virtuelle Bedrohungen zu perfektionieren? Wie war es ihnen möglich, diesen in interalliierten Operationen durchwegs üblichen Schritt zu überspringen, wo doch sonst jeder Kampfpilot im Ausland zu Gott betet, er möge „gerade vor den Augen der anderen Piloten keinen Fehler begehen, schon gar nicht in der Nähe des Stützpunktes“?
Die Antwort ist einfach: Die schwedische Luftwaffe betreibt ein hochmodernes Simulationszentrum, in dem die Vorbereitung von Piloten auf zukünftige Einsätze ausserhalb des Stützpunkts noch zu den einfachsten Aufgaben gehört.
Das FLSC oder Flygvapnet Luftstridssimuleringscentrum, was in der Übersetzung aus dem Schwedischen etwa „Zentrum für die Simulation von Luftgefechten“ bedeutet, befindet sich in Kista, einer Bürogegend nördlich von Stockholm. Es stellt so etwas wie eine Wasserscheide zwischen futuristisch orientierten und konventionellen Luftstreitkräften dar. Hier werden wichtige taktische Konzepte bewertet, neue Ausrüstungen geprüft sowie Schulungen und Bewertungen der Luftwaffe auf hohem Niveau durchgeführt – und dies alles zu verhältnismässig niedrigen Kosten.
Bei der Vorbereitung der schwedische Luftwaffe auf den Einsatz des Gripen-Kampfflugzeugs als Ersatz für die drei Saab Viggen-Versionen (Kampfjet, Angriff und Aufklärung), die damals Schwedens wichtigste Verteidigungslinie darstellten, stammten die Daten zur Leistung von Waffen und Sensoren, die die Luftwaffe in das neue Flugzeug einbauen wollte, entweder von den Herstellern selbst oder aus einschlägigen Fachzeitschriften. All diejenigen, die sich im Geschäft auskennen, wissen, dass die Hersteller der Versuchung, ihre Produkte etwas überzubewerten, nur schwer widerstehen können. Der Gripen war Schwedens Faustpfand für die zukünftige Verteidigung der Nation an vorderster Front. Deshalb durfte ein Scheitern kein Thema sein.
Da damals Computer bereits relativ weit entwickelt waren, ermöglichten sie Flüge in grösserer Höhe, so dass Schweden die Leistungsfähigkeit der zum Kauf für das neue Kampfflugzeug geplanten Ausrüstung auch unter Verwendung von digitalen Simulationen unter Beweis stellen konnte. So geschah es auch. Zunächst wurden Versuche mit Gefechtsdrohnen der Luft-Luft-Raketen, die für das neue Flugzeug getestet wurden, durchgeführt: Die Wahl fiel auf die amerikanischen AIM-120 AMRAAM. Diese Versuche führten auch zu einem vollkommen neuen simulations-basierten Ansatz, Waffen für Schweden zu kaufen. Dies war aber erst der erste Schritt zum Aufbau eines Test- und Forschungszentrums, das mittlerweile mehr als 1000 Menschen beschäftigt. Es ist der schwedischen Luftwaffe sowie einigen Partnerländern, von denen die meisten auch Gripen-Kunden sind, von grossem Nutzen. Was zunächst als Forschungsansatz zur Auswahl eines Lenkflugkörpers gedacht war, entwickelte sich immer weiter und dient nun der Bewertung eines weiten Themenspektrums. Dazu gehören unter anderem Gefechte von Luft-Luft-Lenkflugkörpern – das sind Szenarien, in denen eine Vielzahl von Variablen gegeneinander abgewogen und die Bedeutung der Interaktion des Menschen innerhalb eines vernetzten Systems bewertet werden. Um eine Vorstellung davon zu geben, wie wichtig das Zentrum mittlerweile ist, sei nur darauf hingewiesen, dass jeder Gripen-Testflug zunächst einmal an den Simulatoren “geflogen“ wird, bevor das Flugzeug tatsächlich abhebt. Heute wird eine Vielzahl von Konzepten unter Verwendung von Daten aus den unterschiedlichsten konventionellen und unkonventionellen Quellen bewertet. Dabei werden Daten in die Rechner und Simulatoren des Zentrums eingespeist, aus denen dann Konzepte zu Kauf, Ausbildung und Betrieb der schwedischen Waffensysteme der Zukunft erarbeitet werden.
Philosophie
Das FLSC befindet sich in einem modernen Gebäude, dessen hoher Sicherheitsstandard sofort ins Auge sticht. Der Betrachter von aussen nimmt das FLSC nicht als solches wahr, denn sein Kernstück liegt in einem grossen Simulationsraum mit mehreren virtuellen Simulationsstationen, die bei den Tests vieler militärischer Aufgabenstellungen zur Anwendung kommen. Wichtiger als Gebäude, Computer und Simulatoren ist jedoch die im Zentrum herrschende Philosophie. Die hauptsächliche Zielsetzung des FLSC besteht in der “Entwicklung und Ausbildung von Kriegern”.
Sämtliche Techniken und Taktiken im Zusammenhang mit dem militärischen Überleben des schwedischen Staates wurden im Zentrum getestet, analysiert und abgewogen. Die Aufgabenstellungen zur Luftkriegsführung reichen von der Ausbildung von Einsatzleitern und Staffelführern bis hin zum Test mehrerer BVR-Kriegsszenarien vor dem Hintergrund einer verbesserten Luftunterstützung und fortschrittlicher Techniken der Luftkontrolle. Im Zentrum werden jedoch nicht nur militärische Versuche durchgeführt, sondern auch Vorgehensweisen entwickelt und verbessert, die von den drei schwedischen Streitkräften praktiziert werden. Der Grundgedanke liegt dabei darin, sämtlichen Teilnehmern an Schulungsprogrammen die Möglichkeit zu geben, ihre Simulationssituation so zu gestalten, wie sie es selbst für am besten halten. Scheitert ihr Ansatz, lernen sie so aus ihren eigenen Fehlern. Gemeinsam mit ihren Kollegen und mit dem im Zentrum tätigen Team verwenden sie diese Misserfolge als Lehrmaterial zur Vermeidung wiederkehrender Fehler. Führt eine Vorgehensweise oder Taktik andererseits zu einem unerwarteten Erfolg, so werden sie auch weiterhin gründlich analysiert, um festzustellen, ob sie in der Praxis umgesetzt werden sollten. FLSC-Schulungsleiter haben diesem Konzept den Namen “Werde dein eigener Lehrer” gegeben. Simulationen ermöglichen auf eine vollkommen sichere und kosteneffiziente Art und Weise mehrfach wiederholte Analysen. Die schwedische Doktrin der Kriegsführung war aufgrund der von der Sowjetunion ausgehenden Bedrohung jahrzehntelang auf nationale Verteidigung ausgelegt. Als Schweden der NATO beitrat, musste diese Doktrin verändert werden. So mussten die Streitkräfte beispielsweise das bestehende schwedische Datenübertragungssystem durch das NATO-kompatible Link 16-System ersetzen. In diesem Zusammenhang wurde auf die Kapazitäten des FLSC zurückgegriffen.
Das Zentrum ist auch überaus effizient, wenn es um die Ausbildung von Teams geht, die vollkommen reibungslos miteinander funktionieren müssen. Beispiele hierfür sind Teams zum Auftanken von Flugzeugen, von Piloten oder von fortgeschrittenem Personal zur boden- oder luftgestützten Flugraumüberwachung sowie von Kampfpiloten.
Derartige Simulationen ermöglichen es zum Beispiel, dass Piloten die Aufgaben der Flugüberwachungs- oder Betankungsteams übernehmen – und umgekehrt. Damit erhalten alle die Möglichkeit, die mit der Aufgabe der anderen Teams in Verbindung stehenden Schwierigkeiten und Anforderungen selbst zu erleben. Ein neuer befehlshabender Offizier, der im Rahmen einer interalliierten Operation die Rolle des Befehlshaber einer grossen multinationalen Luftwaffe übernehmen soll, kann mehrere Simulationen unter Verwendung einer beliebigen Anzahl Vektoren durchführen. Das ermöglicht ihm, bereits vor seinem realen Einsatz am Kampfschauplatz Fehler vor Ort zu vermeiden.
Bild: Während die Piloten trainieren, werden die Simulationen vom FLSC-Personal überwacht. Dafür steht dem Führungsteam ein grosser Bildschirm zur Verfügung, über den zu jeder Zeit sämtliche im Zentrum durchgeführte Operationen mitverfolgt werden können. So werden nicht nur die Trainingszeit maximal effizient genutzt, sondern auch sämtliche Simulatoren miteinander vernetzt. Damit können grössere Manöver mit vielen Teilnehmern auch dann durchgeführt werden, wenn sie sich nicht im Zentrum selbst, sondern anderswo in der Stadt oder gar an einem anderen Ort in Schweden befinden!
Bildrechte: Schwedisches Verteidigungsministerium FOI.
Nicht nur das FLSC verfügt über Computer und Simulatoren zur Ausbildung von schwedischen Gefechtsteams. Es bestehen weitere vernetzte Simulatoren, die im Rahmen gross angelegter, simulierter Operationen zur Anwendung kommen. Das FLSC gehört zu einer grossen Simulatorfamilie. Die schwedischen Lufteinheiten sind in der Lage, von mehreren Stützpunkten oder Schulen aus virtuell zu kämpfen oder Taktiken zu entwickeln. Demnächst wird das FLSC jedem Luftwaffenstützpunkt die Berechtigung erteilen, in virtuellen Szenarien mit oder gegen Kollegen aus anderen Stützpunkten zu fliegen.
Techniker des FLSC gehen davon aus, dass die Kosten einer gross angelegten simulierten Operation bei etwa EUR 100 000 liegen, während ein real ausgetragenes Manöver mehrere Millionen verschlingen würde. Dies bedeutet, dass die Anzahl der kleinen, mittleren und grossen Manöver, die Schweden durchführt, viel höher als in den meisten anderen Ländern ist. Wenn dann tatsächlich ein reales Manöver durchgeführt wird, verfügt man bereits über die meisten Sekundär- sowie einen Grossteil der benötigten Grundkenntnisse.
Das FLSC ist auch in der Lage, mit Simulationszentren in anderen Ländern, etwa in den Vereinigten Staaten, virtuelle Operationen durchzuführen. Dies stellt nicht nur für die Streitkräfte, sondern auch für die Industrie ein enorm nützliches Potenzial dar.
Ein definitives Instrument
Im Hinblick auf seine Landesverteidigung durfte sich Schweden niemals Fehler erlauben: Der langjährige, übermächtige Gegner Sowjetunion verfügte über Streitkräfte, die um ein Vielfaches grösser als die eigenen waren und die überdies nur etwa 15 oder 20 Flugminuten von der schwedischen Grenze entfernt waren. Heute unterhalten Russland und der Westen weitaus bessere Beziehungen, auch wenn die Zukunft jederzeit Veränderungen mit sich bringen kann. Das antagonistische geopolitische Klima in Nordeuropa mag sich abgekühlt haben, ganz verschwunden ist es indes nicht. So können jederzeit alte Rivalitäten ohne Vorwarnung wieder aufbrechen.
Die Einsatzbereitschaft der schwedischen Luftwaffe gehört weiterhin zu der am weitesten entwickelten der Welt. Obwohl der gegenwärtige Fokus der Nationen in Richtung internationaler Verteidigungsbündnisse geht, muss die Landesverteidigung jederzeit weiterentwickelt und überdacht werden. Ein Instrument wie das FLSC ermöglicht es einem Land, erst dann ein militärisches System zu kaufen, wenn es am Computer jede zum Kauf vorgesehene Komponente intensiv analysiert hat. Dies bedeutet auch, dass eine neue Ausrüstung erst dann zum Einsatz kommt, wenn jede erdachte Anwendung in der virtuellen Welt genauestens untersucht wurde. Die Ausbildung von Menschen bei der Benutzung, Überwachung und Wartung der erworbenen Gefechtsausrüstung wird ebenfalls ausführlich auf dem Simulator durchexerziert, bevor sie in der Realität zum Einsatz kommen. Diese Möglichkeit stellt eine effizientere reale Anwendung sicher und verursacht beträchtlich geringere Kosten. Darüber hinaus können neue militärische Szenarios durchdacht und entwickelt werden, ohne auch nur einen Gegenstand der realen Ausrüstung aus dem militärischen Arsenal in Anspruch nehmen zu müssen.
Ausser dem schwedischen Verteidigungsministerium steht das FLSC heute auch weiteren Kunden zur Verfügung. Der Haushalt des Zentrums wird über die Regierung gewährleistet, dennoch muss das Zentrum neue Projekte überzeugend „verkaufen“, bevor sie bewilligt werden. So werden etwa 30% der operativen Kapazität des Zentrums für zivile Zwecke und ausländische Kunden genutzt. Meistens handelt es sich dabei um Länder, die den Gripen in Betrieb haben. Die Nutzung dieses Instruments verkürzt den Zeitraum zwischen der Lieferung des Flugzeugs und dessen Einsatzbereitschaft. Darüber hinaus hilft es neuen Kunden, ihr Kampfflugzeug an ihre operativen Realitäten anzupassen, die sich meist von denen der schwedischen Luftwaffe unterscheiden. Eine weitere Option für Gripen-Kunden ist der Aufbau eines eigenen Simulationszentrums nach Vorbild des FLSC. Die grösste Stärke des Zentrums liegt jedoch nicht bei den Simulatoren, sondern in der Philosophie, mit der das Zentrum aufgebaut wurde. Sie hat nicht nur die schwedische Herangehensweise beim Kauf von Wehrtechnik, sondern auch die Definition der schwedischen Doktrin sowie die Ausbildung von Kriegern der Zukunft revolutioniert.
Dieser Artikel erschien in der Fachzeitschrift Força Aérea.
Text: Carlos Lorch
Bild: Konzepte wie Gründungsphilosophie des FLSC zeigen, dass der Gripen nicht einfach nur ein Kampfflugzeug ist, sondern ein Gesamtsystem darstellt. Ein System, das ein anderes, grösseres und vielfach komplexeres in sich birgt. Bild: Gunnar Åkerberg.